Friesischer Aberglaube, ein Toter ohne Kopf, der im Watt gefunden wird, und eine geheimnisvolle Deichvilla, in der der Geist eines kleines Mädchens umzugehen scheint – in „Friesentod“, dem Ostfrieslandkrimi von Edna Schuchardt, geht’s spannend und gruselig zur Sache, die perfekte Lektüre für laue Sommernächte!

In unserer Leseprobe aus dem Friesenkrimi geht’s direkt in besagte geheimnisvolle Deichvilla nach Norden-Norddeich:

Cover Ostfrieslandkrimi Friesentod“Er musste verrückt gewesen sein, als er sich mit dieser verhexten Villa als Treffpunkt einverstanden erklärt hatte. Aber die Gier nach dem Geld und der Wunsch, das Geschäft so diskret wie nur möglich abzuhandeln, waren größer gewesen als die Angst vor diesem unheimlichen Ort. Jetzt wünschte er allerdings, dass er auf einem helleren, freundlicheren und vor allem überschaubareren Platz bestanden hätte.

Doch es gab kein Zurück mehr. (…)

Plötzlich spürte er, dass er beobachtet wurde. Das Gefühl verursachte ihm eine Gänsehaut, die sich von seinem Kopf über den Rücken und die Arme bis hinunter zu seinen Füßen ausbreitete. Wisperte da nicht jemand? War da nicht ein leichter Luftzug?

Er war nicht fähig weiterzugehen. Wie angewurzelt stand er mitten in der Halle und lauschte mit vorgerecktem Kopf auf die Geräusche, die allmählich im Haus erwachten. Da – er hielt den Atem an – er hörte es genau, da war ein seltsam schleifendes Geräusch irgendwo in den Zimmern über ihm. Dann herrschte wieder Stille und dann, als er schon glaubte, seine Sinne hätten ihm einen Streich gespielt, erklang ein kurzes, scharfes Tok, etwa so, als würde jemand einen kleinen Ball aufspringen lassen.

Seine Nackenhaare sträubten sich vor Grauen, während er angestrengt in die Tiefen des Hauses lauschte.

Tok, machte es noch einmal, diesmal etwas näher. Und dann noch einmal Tok. Danach herrschte Stille.

Seine Muskeln waren so verspannt, dass sie schmerzten. Doch er konnte sich nicht rühren, um sie zu entlasten. Er konnte nur dastehen und mit diesem kalten Grauen, das ihm den Magen zusammenschnürte auf das nächste Tok warten, das – dessen war er sicher – irgendwann erklingen würde.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, war jetzt so stark, dass er meinte, die Blicke auf der Haut zu spüren. Sie krabbelten wie eine giftige Spinne seinen Rücken hinauf und bissen sich in seinen Hinterkopf immer tiefer hinein, als wollten sie sein Gehirn aussaugen.

Verdammt, wo blieb der Kerl denn nur? Sie waren für elf Uhr hier verabredet gewesen. Sicher war es jetzt bereits halb oder sogar schon dreiviertel zwölf. Wieso kam der verdammte Bastard nicht endlich?

Tok! Das Geräusch war jetzt direkt im Stockwerk über ihm. Er fuhr herum und rannte zum Portal zurück, dann fiel ihm ein, weshalb er hier war und er zog die Hand, die er bereits nach der geschmiedeten Klinke ausgestreckt hatte, wieder zurück. Sollte er sich dieses Geschäft durch die Lappen gehen lassen, nur weil er plötzlich an Omas Geistergeschichten denken musste?

Zum Teufel noch mal, er war ein erwachsener Mann! Er glaubte nicht mehr an die Spukgeschichten der alten Tratschweiber und Fischer. Geld, das war eine reale Sache. Kein aufspringender Ball, den seine Phantasie ihm vorgaukelte.

Er drehte sich um und kehrte in die Mitte der Halle zurück. Das Geräusch war verstummt, es herrschte wieder diese Stille, in der er das Blut in seinen Ohren rauschen und seine eigenen, schweren Atemzüge hören konnte.

Plötzlich legte sich etwas Schweres auf seine linke Schulter. Die Berührung ließ für den Bruchteil einer Sekunde seinen Herzschlag stocken, bevor der Muskel losraste als wollte er seine eigenen Schläge überholen. Er fuhr herum und richtete den Lichtstrahl der Taschenlampe auf die Person, die ihn unter spöttisch hochgezogenen Brauen musterte.

“Ach, du bist es!”, entfuhr es ihm erleichtert. Nie zuvor war er so froh gewesen, ein menschliches Wesen zu sehen, wie in diesem Moment. “Mein Gott, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!”

Und genau in diesem Augenblick hörte er das Geräusch erneut. Es war jetzt am oberen Treppenabsatz. Er wirbelte herum, der Lichtstrahl der Lampe folgte seiner Bewegung und blieb an den Treppenstufen haften. Und dann sah er es: Ein bunter Kinderball kam Stufe für Stufe hinuntergehüpft.

Tok, Tok, Tok…

Er wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Person stieß, die ihn verwundert beobachtete.

“He!” Er drehte sich zu dem Menschen herum und ballte die Fäuste. “Was soll der Unsinn?”

Im nächsten Moment explodierte etwas in seinem Kopf. Ein gewaltiges Dröhnen folgte, das alle anderen Geräusche und Empfindungen auslöschte. Er spürte nicht einmal, dass er fiel und dass sein Körper hart auf die Kacheln aufschlug. Er lag nur da, starrte verwundert in die Dunkelheit, die ihn umgab. Und dann hörte er plötzlich das Lachen eines Kindes. Leicht und hell schien es durch die leeren Räume zu tanzen und ihn zu verspotten.

Tok…

Der Ball hüpfte die letzten Stufen hinunter in die Halle.

Tok, Tok, Tok…

Das letzte Tok, bevor das bunte Spielzeug über die Kacheln davon rollte, war zugleich auch das letzte Geräusch, das er in seinem Leben vernahm. (…)”

 

Neugierig geworden? Mehr Infos zum Inhalt von “Friesentod” finden Sie auf der Homepage des Klarant Verlags.

 

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