Die fesselnde Leseprobe zu Sina Jorritsmas neuem Bestselller-Ostfrieslandkrimi „Friesennatter“ jetzt hier auf unserem Blog!
Wer „Friesennatter“ noch nicht gelesen hat, bekommt jetzt einen kleinen Auszug aus dem aktuellen Bestseller-Ostfrieslandkrimi von Sina Jorritsma. In dieser Leseprobe erfährt Kommissarin Mona Sander gerade von dem Leichenfund der Kellnerin. Viel Freude!
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»Es tut mir furchtbar leid, dich aus dem Schlaf zu reißen«, sagte Enno, »aber ich wurde selbst gerade von der Nachtschicht alarmiert. Ein Liebespaar hat den Notruf kontaktiert. Die beiden wollten vermutlich etwas Zweisamkeit am Strandabschnitt Südbad genießen. Stattdessen haben sie dort eine weibliche Leiche gefunden.«
»Hast du schon Einzelheiten?«, fragte Mona mit belegter Stimme. Ihr Kollege antwortete: »Nur die Beschreibung der Kleidungsstücke: Schwarze lange Hose, schwarze Schuhe, weiße Bluse, weiße Schürze.«
Die Kommissarin nahm Ennos Stimme wahr, als ob sie aus weiter Ferne käme.
»Britt und Claas sichern bereits den Tatort. Ich wollte auch gleich hinfahren. Ist es okay, wenn ich dich in einer Viertelstunde abhole?«
»Ja, bis dahin bin ich startklar. Wir sehen uns gleich.«
Die Worte kamen automatisch aus Monas Mund. Es war eben das, was man in solchen Fällen sagte. Aber innerlich war sie völlig durcheinander. Ihre Gedanken überschlugen sich. Ob es wirklich Ella Zäuner war, die tot am Strand lag? Natürlich konnte es sich auch um eine andere Person handeln – obwohl man im August auf Borkum vermutlich nicht viele Personen in einer solchen Montur antraf.
Jedenfalls außerhalb der sogenannten Spitzengastronomie, dachte die Ermittlerin, während sie sich leise anzog. In den meisten Lokalen ging es nämlich lässig zu. Viele Servicekräfte trugen ihre normale Alltagskleidung, die in den Sommermonaten oft aus Jeans oder Jeansshorts und einem leichten Oberteil bestand.
Mona warf ihrem Mann einen prüfenden Blick zu. Um Jans Nachtruhe musste sie sich keine Sorgen machen. Er hatte ihr Handy erwartungsgemäß überhört, und er würde selig bis zum späten Vormittag weiter schlummern. Mona trank in der Küche schnell einen Schluck kalte Milch, denn ihr Mund fühlte sich plötzlich wie ausgetrocknet an. Sie wurde von Schuldgefühlen geplagt – ob Ella sterben musste, weil sie eine wichtige Erkenntnis gewonnen, aber noch nicht an die Polizei weitergegeben hatte?
Nur, weil diese Frau in der Vergangenheit sinnlose Behauptungen in die Welt setzte, musste es ja diesmal nicht genauso gewesen sein. Die Kommissarin versuchte, sich selbst zu bremsen. Noch weißt du gar nicht, wer die Tote ist!, sagte sie mehrfach zu sich selbst. Und der Satz wurde jedes Mal unglaubwürdiger. Mona machte eine schnelle Katzenwäsche und griff nach ihrer Kapuzenjacke, denn die Borkumer Nächte waren auch im August frisch. Auf dem Festland kannte man diesen ständigen, kräftigen Wind überhaupt nicht.
Wenn die Kommissarin mal ihre Mutter in Braunschweig besuchte (was selten vorkam), dann fehlten ihr schon nach wenigen Stunden die frische Brise und der Salzgeschmack auf den Lippen. Es war eben doch ein großer Unterschied, ob man auf einer der beiden deutschen Hochseeinseln lebte oder auf dem Festland. Mona trat leise aus dem Haus. Sie wohnte in einer ruhigen Gegend des ohnehin beschaulichen Eilands.
Um diese Uhrzeit war kaum jemand unterwegs. Sie hörte das sich nähernde Motorengeräusch des Dienstwagens. Wenig später bog Enno in die Grönlandstrate ein, die Scheinwerfer blendeten die Kommissarin einen Moment lang. Nachdem ihr Kollege gebremst hatte, stieg sie ins Auto und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Der Oberkommissar musterte sie besorgt: »Du siehst schlimm aus.«
Obwohl sie wusste, dass er einfach nur auf ihr Wohlergehen bedacht war, erwiderte sie flapsig: »Solche schönen Komplimente bekommt eine Frau auch am frühen Morgen gern! Sorry, dass ich in der Eile noch kein Rouge auflegen konnte. Und meine Wimperntusche muss ich auch irgendwie verbummelt haben.«
Enno ging auf ihren selbstironischen Scherz nicht ein: »Ich frage mich auch schon die ganze Zeit über, ob wir Ella dort finden.«
»Wer soll es denn sonst sein?«, stieß Mona gereizt hervor. »Vielleicht diese eingebildete Schnecke Sarah Denning, die nicht bis drei zählen kann?«
Kaum waren ihr die Worte über die Lippen gekommen, als sie ihre Sätze auch schon bereute. Sie legte ihre Hand auf Ennos Unterarm: »Entschuldige, es war nicht so gemeint. Du bist der Letzte, den ich anblöken würde.«
»Das habe ich schon vergessen«, versicherte er schmunzelnd.
»Es ist nur so … ich frage mich, ob Ella uns einen wichtigen Hinweis liefern wollte und sie deshalb sterben musste. Gestern Abend konnte ich sie irgendwann nicht mehr ertragen und hatte unser Gespräch auf heute verschoben.«
»Bevor wir nicht wissen, wer umgebracht wurde, müssen wir uns mit Schlussfolgerungen zurückhalten«, mahnte er. Es gab verschiedene Möglichkeiten, um zum Südbad zu gelangen. Die Polizeikollegen hatten ihren Streifenwagen an der Randzelstraße abgestellt. Von dort aus konnte man an Mathildes Melkbudje vorbei zu Fuß den Strand erreichen.
Enno stellte den Wagen hinter dem anderen Einsatzfahrzeug ab, und die beiden stiegen aus dem Auto. Eine steife Brise pfiff ihnen entgegen. Bei Nacht wirkte der Strand völlig anders als tagsüber – wie ein geheimnisvolles weites Land, in dem man sich verirren konnte. Die Promenade war zwar beleuchtet, aber das breite Sandband darunter lag komplett in der Finsternis. Mona und Enno waren mit Taschenlampen ausgerüstet.
Sie verlangsamten ihre Schritte. Die Kommissarin war es gewohnt, auf Sand zu gehen – schließlich führte sie Morgen für Morgen ihr erster Weg ans Meer, zusammen mit ihrer Dogge. Aber sie spürte, dass sie unwillkürlich nicht so schnell unterwegs war wie sonst. Und das lag nicht daran, dass man in der Finsternis vorsichtiger auftreten musste. Es war, als ob sie unbewusst verhindern wollte, die Wahrheit zu erfahren.
Sei nicht so ein Weichei!, schimpfte Mona innerlich auf sich selbst. Sie hatte schon mehr Leichen gesehen, als ihr lieb sein konnte. Erst vor wenigen Monaten war eine andere Frau, die sie für eine Freundin gehalten hatte, wenige Meter von der Kommissarin entfernt in einem Friseursalon ermordet worden. Sie schob die unangenehme Erinnerung beiseite. Immerhin konnte man erahnen, wo sich Britt Mölders und Claas Lammer befinden mussten.
Die Polizeikollegen hatten nämlich ihre Stablampen ebenfalls eingeschaltet. Die Ermittler gingen zu ihnen. Monas Kehle schien sich zu verengen, das Atmen fiel ihr schwerer. Ihre Befürchtung bestätigte sich: Die Tote war niemand anders als Ella Zäuner. Die Servicekraft lag auf der linken Seite, die Beine angezogen und den linken Arm Richtung Brandung ausgestreckt – als ob sie auf etwas deuten wollte, das sich dort befand. Ihr Hinterkopf war blutverschmiert. Offenbar hatte ihr jemand den Schädel eingeschlagen.
Ein paar Schritte von ihr entfernt lag ein Stück Treibholz, etwas länger als Monas Unterarm. Blut klebte an dem oberen Ende, es war noch nicht einmal vollständig getrocknet – man musste nicht Sherlock Holmes sein, um dieses Objekt als Mordwaffe zu erkennen. Am unteren Ende gab es eine dunkle Färbung, bei der es sich vielleicht ebenfalls um Blut handeln konnte. Die Oberflächenbeschaffenheit war hier anders. Ob der Täter sich beim Zuschlagen selbst verletzt hatte? Das würde die kriminaltechnische Untersuchung des Gegenstands zeigen.
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Klappentext
»Ist die Schlangenhaut ein Beweismaterial für den Mord?« Mitten in der Nacht findet ein Liebespaar die Kellnerin Ella Zäuner tot am Strand von Borkum, erschlagen mit einem Stück Treibholz. Mit wem hat sie sich um diese Zeit dort getroffen? Im Zimmer der Toten finden die Kommissare Mona Sander und Enno Moll die Haut einer Natter. Was hat es mit dieser Schlangenhaut auf sich? Danach beginnen die Inselkommissare in dem Borkumer Nobelrestaurant Happy Herring zu ermitteln, weil das Opfer hier als Servicekraft gearbeitet hat. Ein Wust von Spannungen, Lügen und toxischen Beziehungen wird deutlich. Hat Ella ihren Kollegen nachspioniert und dann versucht, sie zu erpressen? Am Tag vor ihrer Ermordung wollte sie Mona Sander dringend etwas mitteilen – war es ein brisantes Geheimnis? Doch dann stellt sich heraus, dass ein Ex-Freund von Ella Zäuner sich ebenfalls auf der Nordseeinsel aufhält, und so tauchen völlig neue Verdachtsmomente auf …
Der Ostfrieslandkrimi »Friesennatter« ist bei den bekannten Anbietern erhältlich wie:
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Viel Freude beim Lesen wünscht
Das Team von www.ostfrieslandkrimi.de